Offizielle Feier «100 Jahre Visarte Solothurn» im Haus zur Kunst St. Joseph, Solothurn.

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Festrede von Franziska Roth
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Festrede von Ständerätin Franziska Roth
Im Haus zur Kunst St. Josef, Solothurn.

 

Es gilt das gesprochene Wort

 

 

 

Liebe Leute

Ich gratuliere allen Anwesenden der visarte zum 100 jährigen Jubiläum und wünsche weiterhin eine glückliche Hand für die Zukunft. Viel Durchsetzungskraft in der Vertretung eurer Interessen als Kunstschaffende.

  • Ja - Was interessiert Kunstschaffende?
  • Was brauchen Kunstschaffende heute?

 

Zuerst was für uns alle Menschen gilt: Menschen brauchen andere Menschen: Kunstschaffende brauchen Kunstschaffende und Menschen, die sich durch die Kunst inspirieren lassen. Kunstschaffende brauchen aber auch Sichtbarkeit, Reibungsflächen und Anerkennung. Persönlichkeiten, die einander nebst der eigenen kreativen Arbeit gegenseitig unterstützen und helfen.

 

 

Liebe Anwesende eine Frage: In welcher Verbindung stehen die Kleinbildkamera, die Sprühdose, der Reissverschluss und euer Jubiläum?

 

  • Bei der Kleinbildkamera liegt es auf der Hand: Die Leica ist die Revolutionärin in der Fotografie, da sich das 24x36 mm Aufnahmeformat als weltweiter Standard etablierte.
  • Die Sprühdose ist nicht bloss ein Hilfsmittel in vielen Lebenslagen, weil sich so Farben, Lacke, Schmiermittel und viele andere Substanzen besonders einfach und gleichmäßig verteilen lassen, wenn sie zerstäubt und mit Druck aufgesprüht werden. Die Sprühdose ist aus der Welt der bildenden Kunst nicht mehr wegzudenken.

Aber der Reissverschluss?

 

Zufälligerweise ist die visarte SO gleich alt wie die erste Spraydose, das Kleinbildformat von Leica und eben, der Reissverschluss.

 

Was für ein Steilpass! 1925, der RIRI, Riri ist ein Kunstwort aus Rille und Rippe, eine typisch schweizerische Erfindung.

 

KI meldet dieses Ereignis so: «Die bedeutendste Schweizer Erfindung aus dem Jahr 1925 ist der Reissverschluss, den der Ostschweizer Martin Winterhalter auf Basis einer amerikanischen Idee weiterentwickelte und zur Serienreife brachte.»

 

Wie schön wäre es doch, wenn man die visarte als schweizerische Idee in Amerika weiterentwickeln und zur Serienreife bringen würde.

 

Genauso wie der Reissverschluss, die Spraydose oder eben die Leica nicht nur den Fortschritt in der Gesellschaft befeuerten, ist die Gründung des Berufsverbandes Visarte Solothurn ein Meilenstein für die Förderung von Kulturschaffenden.

 

Ja, Kultur ist systemrelevant, das schreibt Eure Task Force in einer Medienmitteilung dieses Jahres zum Entlastungspaket 27. Und es wird ebenso richtig festgestellt, dass Kultur Sicherheitspolitik ist und kein Nebenschauplatz. Angesichts hybrider Bedrohungen und gesellschaftlicher Polarisierung mahnt die Taskforce Culture zurecht:

 

«Der Schutz kultureller Infrastrukturen ist eine Investition in die demokratische Widerstandsfähigkeit des Landes.»

 

 

Als Sicherheitspolitikerin wünsche ich mir, ich könnte in Bundesbern dafür sorgen, dass Milliarden für die Kultur bereitgestellt werden, statt für nachweislich nicht realistische militärische Szenarien in Panzer und Artillerie zu stecken.

 

Und ich wünschte mir, ich könnte verhindern, dass Bundesbern mit Sparmassnahmen den gesellschaftlichen Zusammenhalt aufs Spiel setzt. Denn in einer Zeit, in der Resilienz zur härtesten Währung wird, muss Kultur als strategisches Kapital und nicht als Subvention betrachtet werden.

 

Eure Hauptforderung bei der Vernehmlassung zur Kulturbotschaft war und bleibt ja der Einbezug von visarte als Berufsverband in die Zusammenarbeit von Bund, Kantonen und Gemeinden. Nehmen wir das Thema KI. In der von KI und Digitalisierung sich in Lichtgeschwindigkeit drehenden Zeit, ist Euer Einmischen und Mitreden in der Politik umso wichtiger. Auch wenn ich persönlich überzeugt bin, dass KI nie und niemals den Menschen als Macher ablösen wird, so ist sie dennoch da und wirkt. Was wirkt hat das Potential, dass es Art-fremd eingesetzt wird.

 

Da muss die Frage nach Regulierung, nach Schutz des geistigen Eigentums aber auch die Offenheit in der künstlerischen Freiheit gewährleistet sein. KI kann nie eine Künstlerin sein, sie kann lediglich Bild und Ton produzieren. Mit KI stehen viele ethische Fragen im Raum und es herrscht starker Reflexionsbedarf. Den politischen Mehrwert der Kunst und von euch Kunstschaffenden sehe ich darin, diese Fragen aufzugreifen und Diskussionen in der Gesellschaft auszulösen.

 

 

Zurück zu 1925, zurück zur Stunde Null der visarte Solothurn. Man hat sich entschieden zu kämpfen, man hat sich zusammengetan, man hat sich gegründet. 100 Jahre im Dienst der Gesellschaft, 100 Jahre im Dienst für ein offenes Land mit freien Menschen. 100 Jahre Spiegel und Reflexion. 100 Jahre als Wirkstoff gegen Krieg, Krisen und Konflikte oder 100 Jahre Medizin gegen Hass und Antidemokratie, um die Gesellschaft zu heilen und Hoffnung zu geben.

 

Damit die hundertjährige Vergangenheit in der Gegenwart weitergeht, erlaube ich mir als Rednerin an diesem wichtigen Tag einen Blick in die Zukunft

 

Was wird die visarte in der Zukunft zu einem starken Berufsverband machen?

 

 

 

Wird die «Kreative Arbeit» noch nötig sein?

 

Ich wagte mit meinem Freund Franco Müller bei einem Kaffee den Blick in die Kristallkugel. Mit einem Augenzwinkern sehe ich da gerade Schlagzeilen und Protokolle der visarte Solothurn aus dem Jahr 2125:

  • Die Mitgliederbeiträge werden in Bitcoin bezahlt, die Abrechnungen der Non-Fungible-Tokens (NFT) in Kryptowährungen sind wieder sicher und krisenfest, gerade wenn man sie mit dem digitalen Wallet auf Blockchain Plattformen abwickelt.
  • Die Werke malen sich zu 99% selbst, verpacken sich, versenden sich, stellen sich selber aus, verkaufen sich von selber, bezahlen und liefern sich selber.
  • Weder Arbeitsunfälle noch andere Probleme wie rechtliche, materielle- und kulturpolitische Interessen unterbrechen den endlich erreichten und zu 100% verdienten Genuss des Publikums.
  • Der Vorstand muss sich in seinen Gedanken um die Krankenkasse für bildende Künstlerinnen und Künstler, Architektinnen und Architekten keine Gedanken mehr machen.

 

Das macht schon lange Onkel Algo und Tante Rhythmus besser, schneller, höher.

 

 

So, genug Blödsinn, mit Sicherheit wird das Gegenteil eintreffen! Die Arbeit der visarte wird immer notwendig sein. Jeden Tag in der Gegenwart wird Euch die wirksame Arbeit des Berufsverbandes im sozialen Engagement in eine Zukunft führen, die nicht nur die Rahmenbedingungen für Kunstschaffende im Auge behält, sondern eine lebensfrohe, wohlwollende und freundliche Generation von Menschen zum Austausch mit Kunst ermutigen will.

 

 

Erstaunlich, was im Leben alles an einem vorbeikommt. Zum Schluss nochmals zu 1925 und somit in die Zeit der Weimarer Republik. Es ist ein Schicksalsjahr für die Kunst, anlässlich einer Ausstellung in Mannheim begab man sich in die «Neue Sachlichkeit». Endlich konnte man kritisch auf Armut und Ungerechtigkeit hinweisen.

 

Nationalistische Selbstüberhöhung und militaristische Haltungen ablehnen.

 

 

Anders als die Menschen im Jahr 1925 wissen wir heute, wann und wodurch die Weimarer Epoche zu Ende ging: Dem Aufbruch, der in den Werken der Neuen Sachlichkeit trotz allem spürbar ist, setzte der Nationalsozialismus ein Ende.

 

In Zeiten wo Autokraten – nicht nur Trump – Demokratien ins Wanken bringen, Werke im Slang der NS als entartet beschimpfen und aus Museen und Bibliotheken verbannen, ist die Arbeit in der visarte ein Fels in der Brandung. Ob Euer Schaffen mit der Leica im Kleinformat oder mit der Spraydose auf der Riesenwand festgehalten wird, es gibt keinen Bereich im Leben unserer Gesellschaft, wo ihr nicht wirken könnt und sollt. Das ist eure Stärke. Dafür danke ich Euch.

 

 

Und dennoch, Eure Zukunft könnt ihr nicht allein uns Politikerinnen und Politikern überlassen. Politik ist eine Angelegenheit der ganzen Gesellschaft und somit insbesondere auch von visarte.

 

 

In diesem Sinne willkommen im Klub gegen Abschottung, und Ausgrenzung einerseits und andererseits willkommen im Klub für Kultur und Weltoffenheit.

 

 

Ich danke für die Aufmerksamkeit.

 

04.10.2025, Franziska Roth, Ständerätin Kanton Solothurn